
Die Zigarette, die dem Torjäger die Karriere kostete
Warum der Fußballer Richard Hofmann vom DresdnerSC nach 25Länderspielen vom DFB gesperrt wurde.
Von Sven Geisler
Fast immer waren es besonders eindrucksvolle Treffer. Masseltore überließ er anderen.
Typisch Richard Hofmann: Dynamisch, entschlossen und mit einer außergewöhnlichen Schusstechnik war der Dresdner einer der weltbesten Stürmer seiner Zeit.
Richard Hofmann ahnte nicht, dass es sein Abschied sein würde. Der halblinke Stürmer vom DresdnerSC bestritt beim 3:3 gegen Frankreich am 19.März 1933 in Berlin sein 25.Länderspiel. So oft war vor ihm keiner für die deutsche Fußball-Nationalelf aufgelaufen, mit seinen 24Treffern blieb er mehr als zehn Jahre Rekordtorschütze. Dabei gelang dem bulligen Sachsen fünfmal ein Dreierpack, legendär ist der von 1930 beim 3:3 in Berlin gegen England.
„Er schoss aus 30Metern den Torhüter samt Mütze ins Netz“, schwärmte sein DSC-Vereinskamerad und späterer Bundestrainer Helmut Schön. Und das Fußballfachblatt von Mitteldeutschland schrieb einmal: „Fast immer waren es besonders eindrucksvolle Treffer. Masseltore überließ er anderen.“ Doch plötzlich wurde Hofmann nicht mehr für die Auswahl berücksichtigt, verpasste 1933 die Spiele gegen Belgien, Norwegen, die Schweiz und Polen, war im Jahr darauf gegen Ungarn und Luxemburg nicht mit von der Partie. Er konnte sich das nicht erklären. Um so größer muss seine Erleichterung gewesen sein, als er im April 1934 endlich mal wieder zu einem Lehrgang eingeladen wurde.
Doch ehe dieser beginnen sollte, erhielt Hofmann einen weiteren Brief. In einem Fragebogen sollte er unter anderem angeben, welcher Partei oder Organisation er angehört. „Wütend feuerte er das Schreiben in den Ofen“, schilderte der Journalist Herbert Beyer in dem 1958 erschienenen Buch „Hofmann vor – noch ein Tor!“ Bei den Funktionären des Verbandes, der sich dem nationalsozialistischen System mindestens untergeordnet hatte, kam Hofmanns Verweigerung offenbar nicht gut an. Jedenfalls wurde er wieder ausgeladen und vor das Ehrengericht zitiert.
Der Vorwurf: Verstoß gegen den Amateurstatus. Für die Dresdner Zigarettenfirma „Bulgaria“ hatte Hofmann einmal zu Werbezwecken mit einem Glimmstängel posiert. Im Nationaltrikot. In England gab es zwar bereits seit 1884 Profis, aber der DFB gestattete mit Beschluss von 1925 den Klubs lediglich, den Spielern 7,50Reichsmark als Aufwandsentschädigung pro Einsatz zu zahlen.
Als Hofmann 1928 dem Werben des englischen DSC-Trainers Jimmy Hogan nachgab und von Meerane nach Dresden wechselte, hatten ihm die Verantwortlichen seines neuen Klubs fünf bis sechs Jobangebote versprochen. Sein Taxi, mit dem er sich bisher den Lebensunterhalt verdient hatte, verkaufte er im guten Glauben. Doch nach acht Wochen war er immer noch arbeitslos und ging selbst auf Stellensuche. Tatsächlich half ihm sein Name dabei. Ein Handwerksmeister, DSC-Fan, stellte ihn in seinem gelernten Beruf als Schlosser ein.
Von früh um sieben bis 19Uhr reparierte der Fußballer Motorräder und Autos, konnte erst danach trainieren. Doch schon nach seinem ersten Pflichtspiel für den DSC – ein 4:3-Sieg gegen den Stadtnachbarn Spielvereinigung Dresden – konnte der Kicker den Arbeitsplatz tauschen. Papierfabrikant Wellheim aus Freital stellte ihn zunächst als Lagerarbeiter ein. Hofmann bildete sich auf der Abendschule weiter und stieg schnell zum Materialeinkäufer auf.
Auswahltrainer ruft Chef an
Damit machte er sich allerdings für seinen Chef unabkömmlich, was nicht immer von Vorteil war. Als Hofmann für das Länderspiel gegen Schweden am 23.Juni 1929 in Köln nominiert worden war, sagte Wellheim: „Ich kann Sie diesmal nicht freistellen, beim besten Willen nicht!“ Reichstrainer Otto Nerz schaltete sich ein, telefonierte mit Wellheim. Und so bekam der Angreifer doch noch die Freigabe. Sein Einsatz sollte sich für die deutsche Elf lohnen, denn er erzielte alle drei Tore beim 3:0-Sieg. Drei weitere Treffer von ihm erkannte der Wiener Schiedsrichter nicht an.
Eine Zeitung titelte danach: „Hofmann, das Fußballwunder.“ Weiter hieß es in dem Bericht:
„Was die Schweden können, wissen wir. Wir wissen, was Schottland, Italien, was die Spieler aus Uruguay können. Aber was der Meeraner Hofmann, der jetzt beim DresdnerSC spielt, kann, ist einfach phänomenal … Ein prachtvoller Fußballer, dieser Sachse, ein Spieler von solchem Ehrgeiz, von solcher Ausdauer und solcher Schusskraft … es ist kaum zu glauben.“
Aber im Frühjahr 1934 war Hofmann offenbar aus politischen Gründen in Ungnade gefallen. Und so wurde dem Nichtraucher die Zigarettenwerbung zum Verhängnis. Das Urteil erfuhr er aus der Zeitung: „Richard Hofmann aus dem NSRL (*) ausgeschlossen! Hofmann verstieß gegen Amateurbestimmungen!“ Die Konsequenz: Hofmann durfte nicht mehr Fußball spielen, jedenfalls nicht in Deutschland. Er durfte nicht einmal mehr beim DSC trainieren. Angebote von Profiklubs aus der Schweiz, Frankreich und anderen europäischen Staaten soll er trotzdem ausgeschlagen haben, weil er mit seiner Frau Gertrud und den zwei Kindern die Heimat nicht verlassen wollte.
Die Fans, die ihn „König Richard“ getauft hatten, vergaßen den Publikumsliebling nicht. Das zeigte sich beim Länderspiel am 26.Mai 1935 gegen die Tschechoslowakei, das 60000 Zuschauer im Ostragehege verfolgten. Die Fußballzeitschrift „Kicker“ schrieb von einem Sprechchor, der mehrfach zu hören gewesen sei: „Gebt Hofmann frei – gebt Hofmann frei!“ Die Gesichter der Rufer seien zur Tribüne gerichtet gewesen, „und der Fachamtsleiter Oberregierungsrat (Felix) Linnemann hört den Ruf und – er lächelt freundlich“. DSC-Spieler Heiner Schaffler erzählte dagegen, der DFB-Oberste habe „totenbleich die Tribüne verlassen“. Der Kommentar des „Kicker“-Reporters:
„Nun, der Sprechchor wird sich sehr wichtig vorgekommen sein, aber ob es diplomatisch war, sich diese Gelegenheit und diese Form zur Durchbringung eines Wunsches auszusuchen? So, wie das hier geschah, unter Druck gesetzt, wird ein aufrechter Mann sich nur schwer entschließen können, zu willfahren …“
Deutschland gewann die Partie mit 2:1, aber die Olympischen Spiele 1936 in Berlin endeten für die Fußballer in einer Katastrophe: Aus in der Zwischenrunde durch eine 0:2-Schlappe gegen Norwegen. Unmittelbar nach den Spielen im August erfuhr Richard Hofmann erneut aus der Zeitung von seiner Begnadigung. Ab 26.Dezember 1936 sollte er wieder spielberechtigt sein. Wirklich freuen konnte er sich über die gute Nachricht nicht. „Warum auch? Sie kommt ein bisschen spät. Ich bin jetzt 30Jahre alt; da werde ich kaum noch Bäume ausreißen. Und ehrlich gesagt, viel Lust habe ich auch nicht mehr“, sagte er zu einem Freund, wie Journalist Beyer in seinem – allerdings glorifizierenden – Buch erzählt.
Training mit Rudolf Harbig
Darin berichtet er auch, dass der anerkannte Leichtathletik-Coach Woldemar Gerschler eines Abends Hofmann aufforderte: „Es hilft alles nichts, Richard, du musst wieder spielen. Der DSC kann auf dich nicht verzichten.“ Doch er winkte ab: „Unmöglich! Wie soll ich das schaffen? Ich habe gut fünfundzwanzig Pfund zugenommen.“ Gerschler aber ließ nicht locker, packte den Stürmer bei seinem Ehrgeiz und ließ ihn im Training – manchmal gemeinsam mit Läufer-Legende Rudolf Harbig – schwitzen.
Hofmann kam wieder gut in Form. Mit dem Verein gewann er unter den widrigen Umständen des ZweitenWeltkrieges je zweimal die deutsche Meisterschaft (1943, 1944) und den Pokal (1940, 1941). Sein letztes Spiel für den DSC bestritt er am 31.Dezember 1949 zur Einweihung einer Flutlichtanlage im Heinz-Steyer-Stadion. Mit inzwischen 43Jahren wurde er unter dem Jubel der Dresdner Anhänger noch einmal eingewechselt. Für die Nationalmannschaft lief er dagegen nach der Sperre nie wieder auf.
* Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesübungen
Quelle: Sächsische Zeitung
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28.12.2011
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